Essay: “VERSTAND & GEFÜHL”

Ein Essay über die Analyse von Musik und Kunst im Allgemeinen

Bevor ich mich dem Thema meines Essays widme, möchte ich kurz erwähnen, dass ich das starke Bedürfnis danach habe, mich frei zu dem Thema zu äußern, dass ich ausgewählt habe. Ich habe hierbei nicht das Ziel meine Meinung über die von anderen zu heben, allerdings will ich meine Meinung mitteilen und so neben die der anderen stellen, in der Hoffnung eine Diskussion über die im Folgenden angesprochenen Gedanken anregen zu können.

Je mehr ich mich selbst mit künstlerischen Arbeiten beschäftige, desto überzeugter bin ich davon, dass bei der Bewertung dieser Werke ausschließlich die subjektive Einschätzung des Betrachters von Bedeutung ist. Mein Kunstbegriff folgt dem radikalen Gedanken, dass Kunst lediglich das ist, was der Rezipient aus ihr macht. So gesehen, kann im Grunde alles Kunst sein, wirklich alles. Wenn ich glaube, eine besondere Bedeutung in einem Objekt gefunden zu haben oder durch dieses ein gewisses Gefühl in mir ausgelöst wird, kann es in meinen Augen als Kunst angesehen werden. Wenn andere diese Bedeutung nicht sehen oder das betrachtete Objekt sie aus emotionaler Sicht komplett kalt lässt, heißt das nicht, dass ich selbst meine eigene Einstellung hinterfragen muss. Schließlich habe ich lediglich eine eigene Meinung geformt.

Wenn ich mir eine künstlerische Arbeit ansehe oder anhöre, dauert es meistens nicht lange, bis ich meine erste Meinung über sie gebildet habe. Diese kann sich im Laufe der Zeit allerdings fortlaufend ändern und ist zusätzlich von außen beeinflussbar. Wenn sich etwas für mich gut anfühlt, finde ich es in der Regel auch gut. Wenn mir dann zusätzlich noch die anderen Betrachter in meinem Umfeld zustimmen und meine Erfahrungswerte bestätigt werden, habe ich bereits ein sehr starkes Urteil gefällt. So einfach ist es im Grunde. Da ich Dinge auf unzählige Arten interpretieren kann und Interpretation von Natur aus subjektiv ist, wird es schwierig – meiner Meinung nach sogar unmöglich – eine objektive Wertung für Dinge zu finden.

Jedoch versucht die Analyse trotzdem objektivierbare Kriterien zu finden, anhand derer Kunst betrachtet werden kann. Es soll Menschen ermöglicht werden, ein sachliches Urteil zu fällen. Das Problem hierbei liegt für mich aber in der Natur des Analysierenden. Denn er ist in der Regel nicht mehr als ein Mensch, ein Mensch mit eigener und einzigartiger Persönlichkeit, mit eigenen Erfahrungswerten, eigenen Prioritäten, sowie einer eigenen Haltung zu den Dingen im Leben. Mir ist keine Art der Analyse bekannt, die sich von dem subjektiven Gefühl des Analysierenden trennen lässt, zumindest dann nicht, wenn es um Kunst geht.

Wenn ich beispielsweise versuche Musik zu analysieren, mache ich folgende Erfahrung: Höre ich ein Lied oder eine Band zum ersten mal, achte ich meistens sehr darauf, was innerhalb des Ablaufes der Audioproduktion geschieht. Währenddessen formt sich mein Urteil über das gesamte Stück und schlussendlich treffe ich die Entscheidung, ob ich das gehörte mag oder eben nicht. In der Regel vergebe ich dann sogar im Kopf eine imaginäre Wertung von „Sehr gut“ bis „Schlecht“. Erst nachdem mein Urteil gefallen ist, fange ich an, mir darüber Gedanken zu machen, warum mir das gehörte gefallen hat bzw. nicht gefallen hat. Bin ich zu einem positiven Urteil gekommen, fokussiere ich mich auf andere Aspekte, als wenn ich einen negativen Gesamteindruck gehabt hätte. Wenn ich mir nun andere Lieder von der selben Musikgruppe, aus dem selben Genre oder mit ähnlichen Elementen anhöre, bin ich nachhaltig geprägt und meine zukünftige Analyse wird stark beeinflusst. Das entscheidende Stichwort lautet hierbei „Erfahrungswerte“.

Ich kann mir für nahezu alles Argumente und Theorien zurechtlegen, nur um meine eigene Meinung zu stützen und zu begründen, warum etwas gut ist oder nicht. Hierbei geht es innerhalb des Argumentationsprozesses selten um den Versuch, herauszufinden ob das diskutierte Werk nach den allgemein festgelegten Maßstäben gut oder schlecht ist, vielmehr geht es häufig um die Stützung und Verteidigung der eigenen subjektiven Meinung, in Form von vorab ausgewählten Begründungen. Hierbei wird nun die in ihrer Grundidee unschuldige Analyse ausgenutzt um die eigene Meinung zu propagieren. An dieser Stelle erlaube ich mir die Behauptung, dass alle Menschen aufgrund ihrer subjektiven Natur ein vergleichbares Verhalten zeigen. Ich selbst bin hierbei keine Ausnahme. Auch ich picke mir die Argumente heraus, die meine eigene These stützen und versuche die zu entkräften, die es nicht tun. Ich glaube, dass es mir als Mensch unmöglich ist, unabhängig von eigenen Ansichten zu argumentieren und etwas komplett sachlich zu durchdenken.

Ein weiteres Problem der Analyse ergibt sich dadurch, dass allgemein gültige Kriterien für die Betrachtung festgelegt werden, mit denen Werke innerhalb eines rationalen Rahmens betrachtet werden sollen. Da ich, wie gesagt, künstlerische Arbeiten auf einer Gefühlsebene bewerte, ergibt sich hierbei für mich ein Widerspruch. Natürlich spielt die Beobachtung der Einzelbestandteile des Werkes eine Rolle, jedoch ist hierbei, meiner Erfahrung nach, die subjektive Einschätzung entscheidend für das Urteil. Festzustellen ist dieses Phänomen unter anderem bei Kritiken von Musiktiteln, bei denen Expertenmeinungen teilweise sehr stark auseinander driften.

Nebenbei muss ich allerdings anerkennen, dass sich die eigene Blickweise durch die Analyse von Kunst und Musik stark verändert. Meiner eigenen Empfindung nach, ist das eindeutig ein positiver Aspekt, der es einem selbst ermöglicht, sich in dem entsprechenden Bereich weiter zu bilden. Ich persönlich glaube jedoch, dass es besser ist, sein eigenes Urteil auch in diesem Fall nicht über das von anderen zu stellen. Denn nur, weil sich der eigene Blick durch die Analyse von zahlreichen Produktionen verändert hat, heißt das nicht, dass man dazu in der Lage ist, ein objektives Urteil über ein Werk zu fällen. Begriffe wie „Richtig“ und „Falsch“ finde ich hierbei, zumindest wenn es um Kunst geht, völlig unangebracht.

Innerhalb der Kunst, kann jede Einzelheit ein gestalterisches Mittel sein, dass durch die unterschiedlichen persönlichen Interpretationen einen eigenen Wert erhält, der nicht allgemein festgelegt werden kann. Sogar einige technische „Fehler“ innerhalb einer Audioproduktion, wie beispielsweise Tonrauschen oder „Schallplattenknistern“ können als wirkungsvolle Gestaltungsmittel eingesetzt werden, die einen bestimmten Effekt beim Hörer erzeugen sollen, der in einigen Fällen durchaus erwünscht ist. Tonrauschen, könnte, bei gezielter Nutzung, im Gesamtkontext der Produktion beispielsweise verdeutlichen, dass gewisse Töne aus einem altmodischen Wiedergabegerät stammen. Wohingegen nachträglich eingefügtes „Schallplattenknistern“ bei einem Musikstück ein Gefühl der Nostalgie beim Zuhörer erzeugen könnte. Alternativ könnte es schlichtweg als klanglicher Gegensatz zu den musikalischen Tönen des Stückes stehen, der eine gewisse Atmosphäre transportiert. Eine Liste an bewusst einsetzbaren technischen „Fehlern“, um sie als Gestaltungsmittel nutzbar zu machen, ließe sich mit zahlreichen einzelnen Elementen weiterführen, wie beispielsweise dem Quietschen von Gitarrensaiten beim Wechsel des Akkordgriffes oder dem bewussten erzeugen von Rückkopplungen mit einer E-Gitarre. Das Spielen mit diesen „Fehlern“ lässt sich vor allem in moderneren Musikproduktionen feststellen. Hierbei wird deutlich, dass einige Künstler eine Entwicklung durchmachen, durch die sich die Gestaltung ihrer Produktionen verändert.

Ich glaube zwar, dass sich Künstler und Musiker durch den schöpferischen Prozess zunehmend weiterentwickeln, jedoch habe ich ebenfalls den Eindruck, dass einige Menschen hierbei durch die extreme Fokussierung auf ihren eigenen Arbeitsbereich zunehmend das große Ganze aus den Augen verlieren und Werke entwickeln, die für außenstehende schwerer zugänglich sind. Man kann sich also die grundlegende Frage stellen, ob die Meinung eines Experten im Bereich der Musik oder Kunst im Allgemeinen mehr Wert ist, als die eines Laien.

Meines Erachtens nach, sollte sich jeder dessen bewusst sein, dass er selbst einen persönlichen Geschmack hat und die anderen Menschen um ihn herum ebenfalls ihren eigenen. Im Endeffekt sind aus meiner Sicht alle Urteile schlichtweg Meinungen. Gerade bei Musik wird dies extrem deutlich, da die meisten Hörer diverse Stücke mit persönlichen Erfahrungen verbinden oder gewisse Gefühle in sich hervorrufen lassen möchten. Ziehen wir hierzu ein simples Beispiel heran: Nehmen wir an, eine gewisse Person hat ein starkes Bedürfnis danach, sich durchgehend positiv zu fühlen, weshalb sie sich ausschließlich Titel anhört, die ihr Bedürfnis danach befriedigen. Wenn sie nun das Radio anschaltet, wählt sie dementsprechend ein Musikstück zur Wiedergabe aus. Aus ihrer Sicht sind Titel, die einen melancholischen Charakter haben, unerwünscht und werden somit anders bewertet. Lieder, die eine positive Stimmung vermitteln, werden bevorzugt und höchst wahrscheinlich als gut angesehen.

Für mich persönlich sind Gefühle und Verstand bei der Betrachtung von Musik und Kunst im Allgemeinen nicht trennbar. Als Mensch im Ganzen, verschmelzen beide Elemente in mir zu einem Werkzeug der Betrachtung, welches ich verwende, um das Bild meiner eigenen Realität zu formen. Wir alle sind Menschen und somit komplett unterschiedlich. Da erscheint es mir fast schon albern, krampfhaft zu versuchen irgendwelche Regeln aufzustellen, die für alle Menschen gleichsam gelten sollen. Doch so ist der Mensch: Von Natur aus versucht er, allgemeingültige Gesetze zu erschaffen, die für unsere Gesellschaft zu gelten haben. Auch in der Kunst ist das nicht anders…

Abschließend wollte ich anfügen, dass ich selbst ebenfalls häufig Dinge mit einer allgemeinen Bewertung zu versehen versuche. Ich bin in diesem Punkt nicht besser als andere, das ist mir völlig klar. Leider ist es mir bisher nicht gelungen, mich komplett von Begriffen wie „Richtig“ und „Falsch“ zu trennen, obwohl ich diese aus meinem eigenen Kunstverständnis heraus nicht benutzen sollte. Leider gelingt es mir selbst dann nicht, wenn ich über Musik spreche. Ich kann bei mir eindeutig feststellen, dass das, was mich in meiner Beurteilung stets lenkt, meine Gefühle sind. Mein Bauchgefühl sagt mir, ob etwas für mich gut ist, oder nicht. Wenn sich ein Song für mich gut anfühlt, dann mag ich ihn. Erst im Nachhinein versuche ich Argumente dafür zu finden, warum ich ihn als gut empfinde. Natürlich ist es dabei gut möglich, dass es nur mir so geht. Allerdings fällt es mir schwer, dies zu glauben.

– Antoine Matuttis