Richtig & Falsch

Richtig & Falsch

German Essay by Antoine Matuttis (09.08.2020)

„Falsch!“, so antwortete ein ehemaliger Bio-Lehrer auf meine Aussage, dass es sich bei der Banane um ein eiweißhaltiges Lebensmittel handeln würde. Er hatte zuvor gefragt, welche Lebensmittel man als Sportler wohl am ehesten konsumieren sollte. Allein aus pädagogischer Sicht ist ein simples „falsch“ als Antwort auf den Versuch eines Schülers, eine schlüssige Antwort zu formulieren, wohl vergleichbar mit dem Hackebeil eines Schlachters: „Zack!“

Wie sich durch eine spätere Google-Recherche herausstellte, enthielt die Banane zwar anscheinend doch Eiweiß, jedoch nicht besonders viel. Nun war meine Aussage über diese Frucht vielleicht nicht die passendste Antwort auf die Frage meines damaligen Bio-Lehrers gewesen, allerdings hätte er seine Ablehnung auch anders zum Ausdruck bringen können: „Naja, die Banane enthält zwar Eiweiß, jedoch nicht besonders viel“, so hätte seine Antwort damals lauten können. Anstatt von ihm verunsichert zu werden, hätte ich etwas lernen können.

Es handelte sich bei dem beschriebenen Ereignis keineswegs um einen verbalen Einzelfall, sondern stattdessen um eine systematische Art der Kommunikation, von der mein Lehrer scheinbar nie abließ. Mir war bewusst, dass andere Antworten vermutlich besser auf seine Fragestellung gepasst hätten, jedoch fühlte ich mich durch das Verhalten meiner damaligen Lehrkraft stets als unwissenden Nichtsnutz abgestempelt. So hatte ich schließlich Angst davor, mich zu melden und durch eigene Aussagen zu blamieren.

Wenn mir ein Kind heutzutage etwas erzählen würde, wären meine Antworten auf seine Äußerungen wohl weit von denen meines Bio-Lehrers entfernt. Wenn es beispielsweise behaupten würde: „Ameisen sind wie Spinnen!“, würde ich versuchen, auf das Gesagte einzugehen. Nun kann man das Wort „wie“ auf unterschiedliche Arten deuten: Möglicherweise stellt das Kind bloß einen simplen Vergleich auf und will selbst nur aussagen, dass beide Tiere sich in ihrer äußeren Erscheinung ähneln. Ich würde vermutlich auf folgende Weise antworten: „Die Ameise verfügt, wie die Spinne, zwar über viele Beine und ist sehr klein, allerdings unterscheiden sich beide Tiere voneinander in vielen Bereichen, wie beispielsweise der Anzahl der Beine, dem Körperbau usw.“

Ich glaube aus eigener Erfahrung heraus, dass ein derartiger Umgang mit Sprache einen weitaus konfliktarmeren Diskurs herbeiführt, der beiden Parteien eine große Menge an Frustration ersparen kann. Im Kern geht es wohl prinzipiell um eine gewisse Art der Wertschätzung und Öffnung dem Gesprächspartner gegenüber. Man könnte vielleicht sagen, dass wortlos kommuniziert wird: „Hey, ich höre dir zu und deine Sichtweise auf die Welt interessiert mich!“

Diese Art der Kommunikation ist jedoch nicht nur im Gespräch mit Kindern hilfreich, sondern auch dann, wenn man sich selbst häufig in hitzigen Diskussionen mit anderen Erwachsenen wiederfindet. Es ist wohl grundsätzlich eine gute Angewohnheit, sich den Aussagen des Gesprächspartners zu widmen und ihnen offen entgegenzutreten. Tatsächlich glaube ich, das dieser Aspekt in der zwischenmenschlichen Kommunikation vor allem in den Zeiten des Internets fast gänzlich verloren zu gehen droht. Manchmal scheint es mir fast so, als hätten wir Menschen vergessen, wie man auf Augenhöhe miteinander kommuniziert. „Sich zu öffnen“, meint hierbei jedoch nicht, einfach all jenes zu glauben oder anzunehmen, was das Gegenüber im verbalen Diskurs von sich gibt, im Gegenteil: „Sich öffnen“, ist hierbei gleichzusetzen mit einer Rückbesinnung auf die eigentlichen Argumente und Teilaspekte, also auf das, was uns zu unseren verschiedenen Urteilen als Menschen führt.

Nun ist es keinesfalls das Ziel dieses Textes einen Diskurs zu schaffen, der frei von wissenschaftlichen Messungen und Denkprozessen ist, im Gegenteil: Die Wissenschaften liefern uns abstrakte Modelle, welche es uns einfacher machen sollen, unsere Umwelt zu verstehen. Auch wenn diese Modelle die Welt nicht in ihrer Gänze abbilden mögen, so liefern sie uns Menschen eine Hilfestellung zur Entscheidungsfindung. Nun muss man wohl zugeben, dass die technologischen Errungenschaften des Menschen der Bedeutsamkeit dieser wissenschaftlichen Disziplinen Ausdruck verleihen.

Wenn man sich nun aber als Laie im alltäglichen Diskurs einer wissenschaftlichen Problematik annähert, tut man wohl besser daran, nicht davon zu sprechen, dass man selbst wisse, was richtig und falsch sei. So bewegt der Durchschnittsbürger sich im Regelfall durch ein Informations-Wirrwarr und ein Nachrichtengeflecht, das er selbst nun schwer zur Gänze durchschauen kann. Schließlich sind die wenigsten in unserer Gesellschaft Experten für Klimaproblematiken oder wirtschaftliche Prozesse. Es kann hierbei durchaus sinnvoll sein, die eigene Unwissenheit anzuerkennen und sich einzugestehen, dass eine neue Meldung aus der Welt der Wissenschaft das bisher Geglaubte zur Gänze umwerfen kann.

Tatsächlich finden sich die Worte „richtig“ und „falsch“ jedoch nicht nur in wissenschaftlichen Fragen wieder, sondern auch dann, wenn wir als Gesellschaft moralische Fragen und Ethik diskutieren. Man spricht hier im Volksmund manchmal davon, dass man als Mensch versuchen solle, stets das „richtige“ zu tun. Doch was hierbei tatsächlich „richtig“ ist, liegt in der Regel im Auge des Betrachters.

Wenn man einen Blick auf die Gespräche innerhalb unterschiedlichster Gesellschaften wirft, so stößt man häufig auf festgefahrene Fronten. Man blickt also auf unterschiedliche Seiten mit eigenen Perspektiven und daraus resultierenden Schlussfolgerungen. Man trifft auf Menschen, die davon überzeugt sind, dass sie selbst richtig liegen und ihr Gegenüber falsch. Meiner eigenen Erfahrung nach führt diese Art des Denkens jedoch selten zu einer Einigung, sondern meist zu einem Konflikt und im Extremfall wohl auch zu Krieg.

Wäre es nicht für alle Beteiligten einer polarisierten Gesellschaft besser, sich auf die eigentlichen Argumente zu fokussieren? Sich auf die Aspekte zu konzentrieren, über die sich die Gesprächsparteien einigen können und schließlich argumentativ jene Bereiche abzuarbeiten, in denen Uneinigkeit herrscht?

Es ist leicht von Offenheit zu sprechen, sich im Gespräch aber wirklich der Gegenseite zu öffnen ist in manchen Situationen scheinbar unendlich schwer. Denkt man nun selbst beispielsweise an seine letzte hitzige politische Diskussion, dann dürfte einem wohl schnell bewusst werden, wie schwer es sein kann, die Welt aus den Augen eines anderen Menschen zu sehen. Die Ängste des anderen zu verstehen und schlussendlich Mitgefühl für die Situation des Gegenübers zu entwickeln, erweist sich teilweise als gigantische Herausforderung, die aber bewältigt werden kann.

Vor einiger Zeit stieß ich im Internet auf ein denkwürdiges Video des deutschsprachigen YouTube-Kanals „SPACE FROGS“, welchen Steven Schuto und Rick Garrido nunmehr seit einigen Jahren betreiben: „Wie ein Schwarzer den KKK zerschlug“ lautete der Titel des Unterhaltungsvideos, welches auf dem genannten Kanal am 28ten Februar des Jahres 2020 hochgeladen wurde. Nun mag man von einem derartigen Videotitel und dem Auftreten der beiden Moderatoren auf einfachen Klamauk schließen, jedoch erzählt das Video auf eindrucksvolle Weise die scheinbar wahre Geschichte des Afroamerikaners Daryl Davis, der 200 Mitglieder des Ku-Klux-Klans bekehrt haben soll. In zahlreichen Gesprächen mit Klan-Mitgliedern hatte Davis wohl dazu beigetragen, rassistisches Gedankengut in den Köpfen seiner Gesprächspartner abzubauen und schließlich einen Sinneswandel herbeizuführen. Man kann sich nur vorstellen, wie beängstigend die Situation gewesen sein mag, in der sich Davis damals befand, als er beim gemeinsamen Abendessen mit Klan-Mitgliedern Gespräche führte und so sein eigenes körperliches Wohlbefinden aufs Spiel setzte. Sofern die Geschichte in voller Gänze der Wahrheit entspricht, so handelt es sich hierbei um eine hoffnungsvolle Parabel über die Bekämpfung von zwischenmenschlichen Konflikten durch gegenseitige Annäherung. Jenes wurde jedoch allem Anschein nach nur möglich durch die Besinnung auf die menschlichen Gemeinsamkeiten zwischen Davis und den Klan-Mitgliedern selbst, nämlich der Wertschätzung von Jazz-Musik.

Wenn es uns trotz aller Hürden also gelingt, sich dem Gegenüber zu stellen, so kann dies zwar in vielen Situationen ein Risiko für die eigene Person bedeuten, jedoch ergibt sich hierbei möglicherweise eine Chance, den Weg zum zwischenmenschlichen Frieden gemeinsam zu gehen, auch wenn dies zu Beginn völlig unmöglich erscheint.

Natürlich ist Rassismus meinem eigenen Weltverständnis nach falsch, doch wenn ich die Weltsicht eines anderen verändern will, so muss ich wohl versuchen die Welt aus der Perspektive dieses anderen zu sehen und schlussendlich auch versuchen, zu verstehen, warum Rassismus für mein Gegenüber gerechtfertigt und schlussendlich richtig erscheint. Ich muss mich also öffnen um jene Argumente zu finden, die mein Gegenüber tatsächlich umstimmen könnten.

Nun ist es völlig ungefährlich über derartige Szenarien zu philosophieren und Gedankenspiele zu betreiben, jedoch fordern derartige Akte der gegenseitigen Öffnung zum anderen wohl eine schier unvorstellbare Menge an Mut und eine Bereitschaft dazu, selbst Schaden davonzutragen. Es wäre demnach unangebracht von Menschen zu erwarten, in ihrem eigenen Leben diese Risiken selbst einzugehen. Es ist äußerst denkbar, dass in der Vergangenheit ähnliche Kommunikationsversuche, wie die von Davis, zu einem schockierenden Ende geführt haben.

Was können wir als Gesellschaft aber nun tun, um das Risiko beim Aufeinandertreffen von feindlichen Parteien zu minimieren und trotzdem einen offenen Diskurs zu schaffen? Wäre es denkbar, öffentliche Räume zu schaffen, in denen zwei völlig widersprüchliche Seiten miteinander in Verbindung treten können, ohne dass dabei im Vorhinein eine Verurteilung des Gegenübers stattfindet?

Es lässt sich vermuten, dass es niemals einfach sein wird, das zwischenmenschliche Miteinander zu gestalten, jedoch stellt die Art der Kommunikationsführung hierfür einen zentralen Bestandteil dar. Es scheint mir nur sinnvoll, sich darin zu üben, den offenen Diskurs zu pflegen und den Versuch zu tätigen, die Welt mit dem Blick eines anderen zu sehen, um ihn so besser zu verstehen, auch dann wenn es schwer zu sein scheint. Jedoch ist die Umsetzung dieses simplen Vorsatzes eine zentrale Herausforderung unserer Gesprächskultur, die uns vermutlich bis ans Ende der Menschheitsgeschichte beschäftigen wird. Wenn es uns aber gelingt, den offenen Diskurs zu pflegen, können alle Beteiligten als strahlende Gewinner aus der verbalen Begegnung hervorgehen. Um das zu erreichen, sollten wir versuchen, Konflikte abzubauen, anstatt sie zu entfachen und eine Sprache pflegen, die Raum für die eigene Unwissenheit übrig lässt, vor allem dann, wenn sich ein Gespräch um komplexe Prozesse dreht, die wir selbst nicht voll und ganz durchschauen. Bevor wir versuchen einander zu überzeugen, sollten wir versuchen unser Gegenüber und seine Position wirklich zu verstehen.